Bildungsdebatte "von unten"
Das Kreuzberger Bildungsforum setzt sich für verbesserte Förderung von Kindern nichtdeutscher Herkunftssprache und Integrationskindern ein.
LehrerInnen und Eltern der Lenauschule in Kreuzberg realisierten bereits 2001,
dass die Bildungschancengleichheit durch zunehmende Mittelkürzung und Umverteilung
gerade bei der Förderung von Kindern nichtdeutscher Herkunftssprache und inzwischen
ebenso für Integrationskinder zunehmend bedroht ist. Dieser Blick schien damals,
wie die großen Bildungsdemonstrationen gezeigt haben, nicht nur uns zu eigen zu sein.
Schnell fanden wir auch einen intensiven Austausch mit anderen Kreuzberger Grundschulen.
Gerade unser Bezirk hatte seit der Gründung des Landesschulamtes ebenso wie andere
Innenstadtbezirke einen enorm großen Verlust an Lehrerpersonal hinnehmen müssen.
Die Förderung für Kinder nichtdeutscher Herkunftssprache wurde ebenso drastisch
wie die Zuteilung klassengebundener Teilungsstunden gekürzt. Erfolgreiche reformpädagogische
Ansätze wurden damit vielfach erschwert oder auch zunichte gemacht. Vor dem Hintergrund,
dass die sozialen Probleme, die Kinderarmut und die Sprachprobleme in den letzten Jahren zugenommen
haben, erscheint diese Politik in einem so reichen Land wie Deutschland zynisch und migrantenfeindlich.
Bezirksübergreifend und ohne Finanzdebatte
Das Kreuzberger Bildungsforum ist in seinen inhaltlichen Fragen und Anliegen nicht auf den Bezirk
Kreuzberg fixiert, sondern will sich mit den oben genannten Zuständen und Widersprüchen
bezirksübergreifend beschäftigen. Es stellt einen öffentlichen Diskussions- und Denkraum
für bildungspolitische und pädagogische Fragen her. Wir wollen uns dabei teilweise selbst weiterbilden,
aber auch gemeinsame schulgestaltende und schulpolitische Handlungskonzepte entwickeln.
Die Diskussionen sollen nicht durch Finanzdebatten oder parteipolitische Gesichtspunkte dominiert werden.
Leider breiten sich auch im Bereich der Schule betriebswirtschaftliche Definitionen - Schule als
Kundencenter - zunehmend aus, und bringen LehrerInnen und Eltern in die Defensive.
Soziale Vernetzungen schaffen
Das Kreuzberger Bildungsforum will sich der Tatsache stellen, dass viele Kinder in dieser Stadt arm sind
und dass es auf viele pädagogische und lerntheoretische Fragen keine befriedigenden Antworten gibt,
geschweige denn eine befriedigende Schulpraxis oder Schulausstattung. Ein wesentliches Anliegen besteht
auch darin, mit Menschen aus anderen Bildungsinstitutionen wie z.B. Hochschulen und Kitas oder Verbänden
eine soziale Vernetzung zu pflegen. In einer Atmosphäre von Offenheit soll ein Austausch von Wissen und
Ideen in Fluss gebracht werden und bezüglich bildungspolitischer Fragen auch temporäre Allianzen
institutionsübergreifend geschlossen werden. Über diese Vernetzung der qualitativ unterschiedlichen
Bildungszonen hoffen wir auch, die "Weltfremdheit", die durch strenge Arbeitsteiligkeit und Bürokratien
entstehen kann, zu überwinden und mit Neugierde über die "Tellerränder" in andere Gebiete zu spähen.
Themenvielfalt
Die inhaltlichen Anliegen beziehen sich unter anderem auf Chancengleichheit z.B. in einem Armutsbezirk,
auf die Vielschichtigkeit von Sprach- und Zweitspracherwerb und auf Themen und Reformideen, die der
qualitativen Weiterentwicklung der Schule dienen. Die bisherigen Veranstaltungen beschäftigten sich mit
pädagogischen Themen, wie z.B. dem Zweitspracherwerb, aber auch mit kulturgeschichtlichen
Hintergrundthemen, wie z.B. die Rolle der Fantasie im Bildungsprozess. Andere Veranstaltungen bezogen
sich auf aktuelle schulpolitische Entwicklungen in Berlin. Dazu organisierten wir Briefe und sammelten
Unterschriften, z.B. gegen die Flächen deckende Einführung von Leistungskursen in den Klassen 5 und 6.
Zusammen mit KollegInnen von anderen Grundschulen entwickelten wir zu diesem Thema aber auch alternative
schulische Konzepte und diskutierten sie öffentlich. Die Referenten sind engagierte Menschen kommen aus
dem Bereich von Schule, Hochschule und Kultur, sie haben ihre Vorträge bei uns und ehrenamtlich gehalten.
Bei der Wahl der Themen wollen wir auch weiterhin auf die aktuelle Schulpolitik in Berlin reagieren und
pädagogische Standpunkte und Konzepte kinderfreundlich und alltagspraktisch entwickeln. Außerdem soll
es auch immer wieder Veranstaltungen geben, die über die Enge schulpädagogischer Handlungszwänge
hinausweisen und bildungspolitische Themen mit Hilfe von "Geländekennern" eines ausgewählten
Themengebietes mit Genuss behandeln und ausbreiten, ohne dass sie sofort in eine Nützlichkeitsschublade
für den nächsten Schultag passen müssen. Wiederholt (Siehe
Veranstaltungsüberblick) haben wir uns mit
den Problemen von Spracherwerb und Konzeptionen zur interkulturellen Verständigung befasst.
Entwicklung eines neuen Leistungsbegriffs
Zumindest in der Grundschule brauchen wir einen anderen Leistungsbegriff als den eines rein messbar
verwertbaren, "denn keine Sau wird dadurch fetter, dass man sie öfter auf die Waage stellt".
Wir benötigen unter den gegenwärtigen Verhältnissen einer Einwanderungsgesellschaft eine Pädagogik
der Vielfalt. Leistung muss in der Grundschule in die sozialen Interaktionen und Gruppenbezüge
eingebettet sein. Die klassenbezogene Gruppenöffentlichkeit ist das Forum, auf dem sich jedes Kind
mit seinen individuell verschiedenen Möglichkeiten präsentieren kann und in dem es eine Würdigung
seiner täglichen Leistung über die soziale Anerkennung der Gruppe erfährt. Diese Synergie der Gruppe
stellt einen wichtigen Antriebsmotor zur Steigerung eigener Leistungen dar. Hierbei sind nicht nur
messbare Leistungen gemeint, sondern ebenso die soziale Fürsorge der Kinder untereinander, deren die
Gesellschaft als grundlegende Fähigkeit und Arbeitsform dringend auch bedarf. Reformorientierte
Grundschulen, und ganz besonders jene in sozialen Brennpunkten, müssen einen viel umfassenderen
Leistungsbegriff entwickeln und praktizieren. Leistung darf sich hier nicht auf abfragbares Wissen
beschränken.
Kontakt
Wir suchen noch MitstreiterInnen, die Lust und Interesse haben, Themen mit auszuwählen, sich über sie
auszutauschen und außerdem die Ansprache von Referenten und die Durchführung von Veranstaltungen zu
organisieren.
VeranstalterInnen des Kreuzberger Bildungsforums:
Sibylle Recke: sibylle_recke@web.de
Prof. Dr. Ilse Schimpf-Herken: ilse.schimpfherken@web.de
Veranstaltungsort: Lenauschule, Nostitzstr. 60, U-Bahnhof Mehringdamm